Politik und Fußball
Die Fußball-WM 1974 und 2006:
Ein Vergleich
Zur Diskussion: Haben die
Deutschen das nötig?
Zahlen und Fakten zur Fußball-WM
2006 in Deutschland
POLITIK
UND FUSSBALL
Für die große Koalition ist der Bundestrainer
zum Hoffnungsträger geworden!
Es gibt zwar keine Gesetzmäßigkeiten,
aber die Parallelen zwischen Erfolgen und Misserfolgen
in Fußball und Politik sind offensichtlich!
Fußball und Politik im Doppelpass – Bundeskanzlerin
Angela Merkel hat sich einem Sport und dessen verschwitzten
und trikotgewandeten Ikonen genähert, den
ihre Vorgänger Helmut Kohl und Gerhard Schröder
wie selbstverständlich für sich vereinnahmten.
Es ist wieder einmal Weltmeisterschaft, und in
WM-Zeiten schreitet die Politik schamlos Seit an
Seit mit den Fußballgrößen, volksnah
mit warmen Worten für die hoffenden Massen!
Schon oft spielten sich Politik und Fußball
in der Vergangenheit den Ball zu. Das Wunder von
Bern 1954 gab den Deutschen ihr Selbstvertrauen
zurück - wir sind wieder wer, hieß es
damals. In den 70er Jahren standen zwei Ikonen,
Willy Brandt und Günter Netzer, für den
Steilpass in den freien Raum. Mehr Demokratie wagen
ging einher mit dem neuen Offensivfußball
der deutschen Elf. Deutschland wurde Europa- und
Weltmeister!
1990 wurde Deutschland wieder Weltmeister und
vollzog die historische Wiedervereinigung. Demoskopen
sprachen vom „Feel-Good-Faktor“, vom
guten Gefühl, dass eine ganze Nation durch
solche sportlichen Erfolge erfasst und beflügelt.
Und ein kollektives Erfolgserlebnis wie der WM-Sieg
nutzt einer Regierung und fast nie einer Opposition!
Die immer populistischer werdende Politik klammert
sich aber auch immer stärker an den Fußball
in der Hoffnung, von dessen erheblicher Popularität
und wachsender TV-Präsenz zu profitieren.
Das Foto eines/einer Mächtigen mit Klinsmann, „Poldi“ oder „Schweini“ findet
Beachtung bis in tiefste Wählerschichten und
ist damit vermutlich wesentlich wirkungsvoller
als eines mit UN-Generalsekretär Kofi Annan.
Auch die schlichte Kicker-Sprache hat längst
Einzug in den politischen Alltag gehalten – ohne
fußballerischen Einschlag bestreitet z.B.
Franz Müntefering schon
seit Jahren keine Pressekonferenz oder Rede mehr.
Das wird beim Wahlvolk verstanden und soll suggerieren:
Der ist einer von uns!
Der Fußball sucht hingegen nur dann die
Nähe zur Politik, wenn er sie unbedingt als
Mittel zum Zweck benötigt. So braucht „Kaiser“ Franz
Beckenbauer die Regierenden um die WM überhaupt
nach Deutschland zu holen und sie zu organisieren.
Ansonsten herrscht weitgehend Funkstille!
Wer sich mit dem Fußball verbündet,
scheint allerdings auch in den Sog seiner Misserfolge
zu geraten. . In Jahren von Vize-Weltmeisterschaften
ohne deutschen Titel sind schon zwei Bundeskanzler
gestürzt worden: 1966 Ludwig Erhard und 1982
Helmut Schmidt. 1998 war das letzte Kanzler-Jahr
Helmut Kohls. Damals spielten die Deutschen mit
Berti Vogts als Trainer in Frankreich eine schwache
Endrunde; der vielfach verspottete Vogts galt ohnehin
als Pendant zum genauso gern verspotteten Kohl!
Alles nur Zufall? Die hübschen und analysierbaren
Parallelen zwischen Fußball und Politik sind
offensichtlich, aber es gibt da natürlich
keine Gesetzmäßigkeit. 1994 z.B. wurde
Kohl wiedergewählt, obwohl die deutsche Mannschaft
bei der WM in den USA förmlich unterging.
Damals machte SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping
allerdings so viele handwerkliche Fehler, dass
er selber die Titelverteidigung Kohls ermöglichte!
Wie die Mannschaft, so das Land? Schon oft schien
der Fußball Spiegelbild der Gesellschaft
zu sein – Reformstau und Abschlussschwäche
auf beiden Seiten. Da waren Politiker wie die Kicker:
Defensiv, unkreativ, ein leidiges Ballgeschiebe
im Mittelfeld!
Selbst die kämpferischen Tugenden von einst
reichen in den vergangenen Jahren oft nicht mehr
aus, um die Nation sportlich wie ökonomisch
zu beglücken. Deutschland galt als der kranke
Mann Europas, auf dem Rasen wie in der Wirtschaft!
Für die große Koalition ist Bundestrainer
Klinsmann deshalb zum Hoffnungsträger geworden:
Der Fußballreformer hat die Mannschaft zumindest
aus der alternden Depression befreit und das skeptische
Land positiv verunsichert. Mit ihm hat Angela Merkel
schon heimlich zu Abend gegessen, ihm stärkte
sie neulich auf dem Fußballgipfel nach der
1 : 4-Italienpleite demonstrativ den Rücken!
Klinsmann ist der Signalgeber für Innovation,
Aufbruch und Aufschwung, der Merkel sehr gerne
sein will.
Grund zur Euphorie gab es schon auf dem Spielfeld
und darüber hinaus in ganz Deutschland! Warten
wir es ab, wie lange und intensiv der „Feel-Good-Faktor“
anhält!
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DIE FUSSBALL-WM 1974 UND 2006: EIN
VERGLEICH
(Gegenüberstellung aus "POLITIK aktuell" vom 26.
Mai 2006)
Ein Vergleich: Die Fußball-WM 1974
und 2006 |
| |
1974 |
2006 |
FIFA-Mitglieder
bei Start der Qualifikation |
137 |
204 |
Anzahl
der Mannschaften
in der Qualifikation
|
99
(= 72 % der Mitglieder) |
195
(= 96 % der Mitglieder) |
| Anzahl
der Mannschaften bei der Endrunde |
16
(= 12 % der Mitglieder) |
32
(= 16 % der Mitglieder) |
| Anteile
der Teams aus ... |
|
|
| Europa |
57
% |
44
% |
| Südamerika |
25
% |
12
% |
| Afrika |
6
% |
16
% |
| Nord-
und Mittelamerika |
6
% |
12
% |
| Asien |
0
% |
12
% |
| Ozeanien |
6
% |
4
% |
| Zuschauer
etc. |
|
|
| In
den Stadien |
1,768
Mio. |
Ca.
3,2 Mio. |
| TV-Zuschauer
beim Endspiel |
600
Mio. |
Ca.
1,2 Milliarden |
| Spielorte
(Bewerberstädte) |
9
(12) |
12
(17) |
| Kosten
für Stadionbauten |
130
Mio. Euro |
1,38
Milliarden Euro |
| Wert
der Fernsehrechte |
9
Mio. Euro |
Über
1 Milliarden Euro |
| Akkreditierte
Journalisten |
4.616 |
Ca.
14.000 |
Zugelassene
Fotografen
im Innenraum (pro Spiel)
|
40 |
150 |
| Günstigstes/teuerstes
Endspielticket |
7,70/41
Euro |
120/600
Euro |
DFB-Prämie
für den FIFA-WM-Sieg
pro Spieler
|
17.895
Euro
und einen VW Käfer
|
300.000
Euro |
| Sportliche
Belastung für die Enspielteilnehmer |
7
Spiele in 24 Tagen |
7
Spiele in 27 bis
31 Tagen |
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ZUR DISKUSSION: HABEN DIE DEUTSCHEN
DAS NÖTIG?
Wolfgang Roth ( SZ/Meinungsseite bzw. Leserbriefe
vom 18.03.2006 ) stellt den
deutschen Anspruch und die deutsche Sehnsucht in Frage, Nummer 1 zu sein:
„Warum um alles in der Welt muss eine Nation
wie Deutschland unbedingt
Weltmeister werden oder bei Olympischen Spielen die meisten Medaillen
einheimsen? Sind es nicht die totalitären Staaten, die auf Ausbeutung
angelegten
Regime, die immer wieder aufs Neue mit sportlichen Erfolgen beweisen müssen,
dass ihre Bevölkerung gefälligst stolz und glücklich zu sein
habe? Haben die
Deutschen das nötig? Nein, das sollten wir eigentlich nicht nötig
haben, jetzt, da
die DDR und ihre Dopingpraktiken fast schon Geschichte sind. Eine solche
Haltung zu vermitteln, wäre die Aufgabe der Politiker. Leider partizipieren
sie
gern am sportlichen Erfolg und zeigen vermeintliche Volksnähe bis hin
zur
Lächerlichkeit. ( … ) Nun wird wieder viel über „Psychologie“ geredet,
weil die
bekanntlich ein Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs sein kann. Da darf
dann der Rückgriff auf Bern nicht fehlen, als ein Weltmeisterteam den
Deutschen
Stolz und Würde zurückgab. Es ist ein merkwürdiger Vergleich,
weil damals eine
im Krieg besiegte, zu Recht erniedrigte Bevölkerung in Städten hauste,
in denen
die Spuren der Bomben noch allgegenwärtig waren, am Rand von Industrie
revieren, in denen noch viele Räder stillstanden. Heute müssen die
Deutschen
sich und anderen nicht mehr viel beweisen, sieht man davon ab, dass sie sich
mühsam an jene globalen Änderungen anzupassen haben, die auch ihren
Nachbarn zu schaffen machen. Dazu trägt diese Weltmeisterschaftaber so
gut wie nicht
bei. ( … ) Erschwerend kommt hinzu, dass es zehntausende Experten für
diese
Sportart gibt. Die werden dann auch wieder bejammern, dass es in Deutschland
keine richtigen Straßenfußballer“ mehr gebe. Aber
mag man allen Ernstes
beklagen, dass es die eigenen Kinder besser als andere haben? Dass sie nicht
darauf angewiesen sind, sich mit Hilfe des Fußballs aus dem Elend zu
lösen und
zu Wohlstand zu bringen?“
Fragen
an die Schüler:
1. Welche positiven Folgen kann der Gewinn der WM
haben?
2. Warum glaubt der Verfasser des Leserbriefes, dass Deutschland ein WM-Titel
oder eine herausragende Platzierung im Medaillenspiegel nicht nötig hat?
3. Welche Kritik äußert er? Was ist Ihre Meinung?
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ZAHLEN UND FAKTEN ZUR FUSSBALL-WM 2006 IN DEUTSCHLAND
- 847 Qualifikationspartien zur WM 2006 wurden ausgetragen.
Dabei fielen 2464 Tore.
- 3000 Ausstellungsstücke von privaten
Sammlern sollen ab April 2006 im ersten deutschen
Fußball-Museum
zu sehen sein. Standort soll eine Stadt im Ruhrgebiet
sein.
- 15 000 freiwillige Helfer aus der ganzen
Welt werden während der WM eingesetzt
Allein in der ersten Bewerbungsphase ließen sich
25364 Anwärter registrieren .
- 48% der Deutschen meinen laut einer Umfrage
im Auftrag des Sportinformations-
dienstes, dass Brasilien Weltmeister wird.
15,9% legten sich auf Deutschland fest,
Argentinien folgt als Dritter mit 4,8%.
- Rund 16 Millionen € verdient der
neue Weltmeister im Laufe des Turniers.
- 100 000 Tonnen zusätzlicher Ausstoß von
CO2, so schätzen Experten, werden
während der WM wegen des erhöhten Verkehrsaufkommens
und höheren Energieverbrauchs verursacht.
- 300 000 € erhält jeder deutscher
Spieler im Falle des Titelgewinns.
2002 lag die Prämie dafür noch bei 92 000 €.
Zum Vergleich: Die WM-Helden
von Bern 1954 erhielten umgerechnet 1250 € plus ein Fernsehgerät
für den Titel,
1974 gab es 30 000 € sowie einen VW Käfer Cabrio, 1990 waren 65 000 € pro
Spieler ausgelobt.
- Die Schulnote 2+ vergab FIFA-Präsident
Joseph Blatter an das deutsche Organisationskomitee
für dessen bisherige Arbeit.
- 23 Spieler aus jeder der 32 teilnehmenden
Nationen dürfen an der WM teilnehmen.
- Sechsmal wurde das Gastgeberland bei 17 Endrundenturnieren
seit 1930 auch Weltmeister.
- 30 000 Telefonleitungen müssen in
den 12 WM-Stadien verlegt werden.
- 41 100 Stunden Fernsehprogrammproduzierte
die Fa. HBS ( Host-Broadcast- Services ) allein
bei der WM 2002 in Japan und Südkorea. Kumuliert verfolgten
das Turnier ca. 30 Milliarden TV-Zuschauer weltweit – Steigerungen
werden erwartet.
- Rund 162 Millionen € erhält das
Organisationskomitee von der FIFA als Zuschuss für
die Ausrichtung der WM-Endrunde.
- 3,3 Millionen Tickets gibt es für
die 64 Spiele der Endrunde 2006 in Deutschland.
In der ersten Vergaberunde hatte es für
812 000 zu vergebende Eintrittskarten 8,7 Millionen
Bewerbungen
gegeben.
- Knapp 47 000 Besucher werden nach FIFA-Berechnungen
pro WM-Spiel in die Stadien kommen.
- Die WM-Trophäe hat eine Höhe von
36 cm; sie besteht aus 18karätigem Gold.
- Mit 1,5 Milliarden € Gesamtausgaben
werden die WM-Besucher Schätzungen zufolge den
Konsum in Deutschland während der Dauer
ihres Aufenthaltes ankurbeln.
- 5 Millionen zusätzliche Übernachtungen
erwartet die Deutsche Zentrale für Tourismus.
- 3,7 Milliarden € hat die Bundesregierung
anlässlich der WM in den Ausbau der Infrastruktur
investiert.
- 1,6 Milliarden € betragen die vertraglich
garantierten WM-Gesamteinnahmen laut FIFA, wovon allein
1,1 Milliarden € aus den verkauften TV-Rechten
resultieren.
- Bis zu 100 000 zusätzliche, teilweise
befristete Arbeitsplätze könnten rund um
die WM entstehen, darunter auch Jobs wie Eis- oder
Bierverkäufer.
- Fünf Verkaufsphasen sind für
die Eintrittskarten zu den WM-Spielen vorgesehen.
Die letzte Phase läuft vom 1. Mai bis 9. Juli
2006.
- 10 Millionen Bälle will der Sportartikelhersteller
ADIDAS rund um die WM 2006 verkaufen. 2002
waren es knapp 6, bei der EM 2004 mehr als 6 Millionen.
- 15 Unternehmen dürfen sich als „Offizielle
Partner der FIFA WM 2006“ bezeichnen. Sie lassen
sich ihren Auftritt, etwa auf WM-Werbetafeln, jeweils
zwischen 40 und 80 Millionen $ ( ca. 31 bis 62 Millionen € )
kosten.
- 35 € kostet die günstigste Eintrittskarte
für den Besuch im Stadion.
Für die besten Plätze beim Finale in Berlin
sind 600 € fällig!
verantwortlich:
Gerhard Kowatsch, StD
Fachbetreuer für Sozialkunde
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